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Nachbericht zum Podiumsgespräch: Was sagt uns Hans Döllgast heute?

15. Mai 2018

Am 08.05.2018 in der Geschäftsstelle BDA Bayern

»Er war ein Mann zwischen den Stühlen«, begann Wolfgang Jean Stock seine kurze Einführung zur Podiumsdiskussion, »zwischen Traditionalisten wie Roderick Fick, dem Architekten von Hitlers Berghof und dem Verein der Modernen mit dem Kunsthistoriker Hans Eckstein und Sep Ruf«. Als Autor des Buchs »Hans Döllgast, schöpferische Wiederherstellung«, das pünktlich frisch aus der Druckerei eingetroffenen war, lud der profunde Döllgast-Kenner zwei Architekten und zwei Architektinnen aus München mit Bezug zur Nachkriegsarchitektur, um sie nach ihrem persönlichen Verhältnis zu einem der ganz großen Münchner Architekten der Vorkriegszeit und Nachkriegsmoderne zu befragen und der heutigen Strahlkraft seines Werks nachzuspüren. Nach den ebenfalls schwarzweiß bebilderten Büchern zu Carlo Scarpa und Rudolf Schwarz ist es der dritte Band der Reihe des Architekturfotografen Klaus Kinold, dessen historische Aufnahmen selbst ein Teil der Zeitgeschichte sind.
Mit den Wiederaufbauten der Alten Pinakothek, der Klosteranlage St. Bonifaz sowie des südlichen und nördlichen Friedhofs ist der ehemalige Professor der Technischen Hochschule München heute in seiner Heimatstadt hochgeehrt. Seine Typografie prägt noch heute, wenn auch in veränderter Form, den Schriftzug auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Hans Döllgast (1891-1974) war nicht direktes Vorbild, aber Ideengeber und Orientierungspunkt für die Diözesanbauten von Karljosef Schattner in Eichstätt, das Kolumbamuseum in Köln von Peter Zumthor oder das Neue Museum in Berlin von David Chipperfield Architecs Berlin. Viele seiner Zeitgenossen hatten dagegen wenig Verständnis für seine Haltung der Schöpferischen Wiederherstellung, wollten die Ruine der alten Pinakothek gar komplett abtragen, um Platz zu machen für ein modernes Schwabing. Was ist also geblieben von dem zaundürren Mann mit vogelartigem Kopf? Ist Döllgast für die heutigen Architekten immer noch ein Leitbild? Was können wir gerade heute von seiner Persönlichkeit und seinem Werk auf die eigene Arbeit anwenden?

Michael Gaenßler, der einzige Anwesende, der Döllgast noch persönlich gekannt hat, machte dessen Erfolgsmodell deutlich: »1974 waren Friedrich Kurrent und ich Assistenten bei Johannes Ludwig, dem Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Hans Döllgast. Als wir gemeinsam mit Winfried Nerdinger 1987 anlässlich des Todes von Döllgast in der Allerheiligenhofkirche die erste Ausstellung zu seinem Gesamtwerk kuratierten, fuhren wir zur Recherche durch ganz Bayern und fotografierten selbst die Gebäude, um überhaupt an Material zu kommen.« Zur Ausstellung seien dann überwiegend alte Handwerker gekommen, die Döllgast in einer Art Bauhütte auf seine Art zu denken eingeschworen hatte. »Die Detailzeichnungen waren im Maßstab 1:1 mit verschiedenfarbigen Buntstiften ineinander gezeichnet. Jeder Strich einer Federzeichnung trug schon die Konstruktion in sich. Die Schlosser haben den auslaufenden Schwung des Strichs als Treppengeländer einfach nachgebaut. Aber das kann nur jemand verstehen, der jahrelang mit ihm zusammenarbeitete oder sich intensiv damit beschäftigt hat.«

Katrin Hootz, hatte sich bisher weniger mit der Person Döllgast beschäftigt, als mit seiner Haltung zur Architektur: »Als ich in den 1980er Jahren bei Fabio Reinhart an der ETH Zürich studierte, haben mich sehr der nordische Klassizismus, aber auch die Armutsarchitektur der Nachkriegsjahre in Deutschland angesprochen. Als wir dann in München den Auftrag bekamen das Viktoriahaus in der Sonnenstraße komplett zu sanieren und neu zu gestalten, haben wir versucht, viele Originalbauteile zu erhalten. Das war damals nicht selbstverständlich, zu der Zeit wurde um jedes ältere Gebäude eine Glashülle gepackt.«

Jörg Homeier schilderte, wie präsent und einflussreich Döllgast auf seine Schüler war. »Als Karljosef Schattner sich kurz nach seiner Kriegsgefangenschaft an der TU München für das Architekturstudium bewarb, hat man ihn zunächst abgewiesen. Döllgast erkannte sein Talent und nahm ihn auf. Bei meiner jahrelangen Zusammenarbeit mit Schattner hat er in seinen Entwurfsgesprächen mit mir seinen ehemaligen Hochschullehrer stets als Maßstab gehabt: Das würde Döllgast jetzt so machen.«
Besonders fasziniert ist Homeier vom hohen Maß der Detailpräzision bei Döllgast-Zeichnungen, die dennoch so locker hingeworfen scheinen. »Ich wollte wissen wie der Mensch zeichnet. Habe immer seine Zeichnungen gesucht. In seinem Strich ist immer schon ein Detail enthalten«.

Eva Maria Lang hat während ihres Studiums an der der TU München durch Professoren wie Nerdinger, Huse oder Kurrent das Werk von Hans Döllgast schätzen und lieben gelernt. »Schließlich hat man mit der Alten Pinakothek direkt neben der Universität, diese Haltung immer vor Augen. Er hat von Gebäude zu Gebäude mit der gleichen Haltung immer individuelle Lösungen gesucht, er war nicht doktrinär. Mein Partner Thomas Knerer und ich haben viel bei unseren eigenen Auseinandersetzungen mit der Geschichte wie z. B. bei Mendelsons Kaufhaus Schocken in Chemnitz, beim Studentenwohnheim im Olympischen Dorf oder jetzt beim Amerikahaus in München daraus gelernt«.

Die zweite Fragerunde vertiefte den Einfluss von Döllgast auf das heutige Bauen. Er sei ein Vorbild, für seine Überzeugungen einzustehen und dafür zu kämpfen, heute seien zu viele Architekten kompromissbereit, was zu verwässerten Entwürfen führe. Man könne die heutige Zeit nicht mit der damaligen vergleichen, es fehle zwar heute nicht am Geld, aber zu kurze Planungs-und Bauzeiten sowie der Mangel an guten Handwerkern würde eine die hohe Qualität von damals vereiteln. Ja sogar die letzte Bastion der Baukultur, die katholische Kirche sei weggefallen: anstelle eines kompetenten Bauherrn würden dort jetzt Unternehmensberater die Baukultur bestimmen.

Die Schilderung der Kollegen, wie schwierig es heute sei, qualitätvolle Architektur im Sinne von Döllgast umzusetzen provozierte im Publikum den Zwischenruf: »Das Gejammere sei wenig unterhaltsam, es gäbe doch auch heute wieder viele gute leise Projekte«. Das Angebot von Wolfgang Jean Stock diese Intervention in eine kontroversen Debatte zu verwandeln, lief leider ins Leere, zeigte aber eines: Döllgast ist bis heute der Maßstab, wenn es darum geht freihand zu zeichnen, mit geringen Mitteln eine hohe bauliche und räumliche Qualität zu schaffen und für seine Haltung mit aller Konsequenz einzustehen.
Die Podiumsdiskussion brachte viele interessante Aspekte zu Hans Döllgast ans Licht, ohne ihn zu glorifizieren. »Man könne mit diesem Mann nicht arbeiten« zitierte Michael Gaenßler den ehemaligen Bauherrn von St. Bonifaz, Abt Odilo Lechner. Döllgast lieferte so viele Alternativentwürfe, dass sich der Abt schließlich entschied, ihm den weiteren Auftrag zu entziehen und an den Architekten Carl Theodor Horn zu vergeben.

Die Veranstaltung lieferte nach der vom Moderator angenehm kompakt gehaltenen Diskussion viel Gesprächsstoff beim anschließenden kollegialen Austausch – über Hans Döllgast, aber auch über die tagtäglichen Kämpfe der Architekten heute.

Frank Kaltenbach

Bisher im Hirmer Verlag erschienen:
Scarpa – La Tomba Brion San Vito d’Altivole
Rudolf Schwarz – Church Architecture
Hans Döllgast– Schöpferische Wiederherstellung

Weitere Titel in Vorbereitung:
Heinz Bienefeld, Egon Eiermann, Mies van der Rohe

 

Edward Beierle
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Als Autor des Buches und profunder Döllgast-Kenner, lud Wolfgang Jean Stock zwei Architektinnen und zwei Architekten aus München mit Bezug zur Nachkriegsarchitektur ein, um sie nach ihrem persönlichen Verhältnis zu einem der ganz großen Münchner Architekten der Vorkriegszeit und Nachkriegsmoderne zu befragen

 

Edward Beierle
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Podiumsgespräch mit Eva Maria Lang, Prof. Jörg Homeier, Katrin Hootz, Prof. Michael Gaenßler und Wolfgang Jean Stock (v. l. n. r. )

 

Edward Beierle
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v. l. n. r. Eva Maria Lang (Architektin BDA) und Prof. Jörg Homeier

 

Edward Beierle
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Eva Maria Lang hat während ihres Studiums an der der TU München durch Professoren wie Nerdinger, Huse oder Kurrent das Werk von Hans Döllgast schätzen und lieben gelernt.

 

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Prof. Michael Gaenßler war der einzige Anwesende, der Döllgast noch persönlich gekannt hat

 

Edward Beierle
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Jörg Homeier schilderte, wie präsent und einflussreich Döllgast auf seine Schüler war.